Aleksandra Pristin - Autorin
A l e k s a n d r a   P r i s t i n - Autorin

Rezensionen

Dr. Susanne Konrad

Buchstabentanz und Wortgesang im virtuellen Nirwana


Rezension zu Aleksandra Pristin: Angst vor Alligatoren. Briefroman. 1. Auflage, Wiesbaden: NeroVerlag, Juni 2026. ISBN 978-3-69220-002-6, 155 Seiten, 26 Euro.

„Angst vor Alligatoren“ ist ein Briefroman, der von einigen wenigen Gedichten durchsetzt ist, die sich von den Briefen abheben und sie gleichzeitig ergänzen. Es ist kein Briefwechsel, sondern der einseitige Versuch einer Person, die sich geschlechtsneutral „Dein A.“ oder „A.“ nennt, mit einem wohl männlichen Gegenüber - wieder - in Kontakt zu kommen. Scheinbar geht es um eine Internetfreundschaft, die von der anderen Seite aus durch „Ghosten“ (einseitiger Abbruch der Kommunikation) beendet wurde. Aber was Realität und was Phantasie ist, bleibt bis zum Schluss im Schwebezustand, denn bei virtuellen Freundschaften weiß man nie, wer der Mensch wirklich ist, der sich hinter dem Social-Media-Profil verbirgt.

Das geschlechtsneutrale „A.“, mit dem die ihrem Verhalten nach weibliche Schreiberein signiert, ist eine Anspielung auf die titelgebenden „Alligatoren“, die, meistens kaum erkennbar, in brackigem Flusswasser lauern und dann unerwartet zuschnappen. Damit verglichen werden obskure Facebook-Kontakte, die sich hinter geschönten Profilen verbergen, um dann ihre Schlingen auszuwerfen. Der Gegenpol zum Alligator ist der „Pillow“, das Ruhekissen, im Internet auch die Person, mit der man intime „Kissengespräche“ führen kann, so, wie wenn man gemeinsam im Bett läge. Mit „My Pillow“, aber auch mit „my dear“ und vereinzelt mit „My alligator“ spricht die Schreiberin ihr Gegenüber an, von dem wir nicht einmal wissen, ob es die Briefe überhaupt liest.

Die Autorin liefert eine differenzierte Kritik an den Kommunikationsformen im digitalen Zeitalter, die sich vielfach in den sozialen Netzwerken abspielen. Die Interaktionen laufen nach festen Konventionen ab, z.B. beim Gebrauch von Emojis und bei der Anrede. Die Konversation via Facebook und Co kompensiert die ausbleibende physische Begegnung. Körperliche Nähe wird durch fragwürdige Symbole beschworen, aber der Raum für Spekulationen und Missverständnisse bleibt immens.

Aleksandra Pristin, geb. 1959 in Polen und seit 1983 in Deutschland lebend, ist Lyrikerin und legt mit „Angst vor Alligatoren“ ihren ersten Prosaband vor. Dabei zeigt sich, dass sie viele Elemente der Dichtkunst auf ihre Prosaminiaturen überträgt: Größtmögliche Dichte und eine starke Selbstreferenz der einzelnen Briefe führen dazu, dass man von „Textinseln“ sprechen könnte – ähnlich wie bei einem Gedicht. In den Briefen herrschen unterschiedliche Schreibstile vor: Es gibt reflektierte und analysierende, romantische und erotische Briefe, die insgesamt hochsprachlich gehalten sind.

Das Meisterhafte an dem Buch ist, dass es der Autorin gelingt, trotz des insulären Charakters der Briefe eine Handlung voranzutreiben und eine Entwicklung im Geschehen aufzuzeigen. So gelangen die typischen Spekulationen einer Verlassenen an einen Punkt, wo sie die Bereitschaft signalisiert, Abschied zu nehmen. Ob das gelingt und was am Ende noch passiert, wollen wir hier aber nicht vorwegnehmen. „Angst vor Alligatoren“ ist ein bemerkenswertes Buch über die Fallstricke digitaler Liebe.

Über "Angst vor Alligatoren"
von Marieta Schorries auf Facebook:


Das Cover machte mich neugierig.
Angst vor Alligatoren?
„Was ist Liebe? Was ist Nähe?“
So beginnt der Text auf der ersten Umschlagseite.

Ich habe dieses Buch, ein Briefroman von Aleksandra Pristin, verschlungen. Man liest nur die Nachrichten der Protagonistin A. an ihren geheimnisvollen Geliebten „Pillow“ – Antworten gibt es nicht, er hat sie von heute auf morgen blockiert. Dieses eisige Schweigen ist beim Lesen fast körperlich spürbar. Die Sprache ist so unfassbar poetisch, bildhaft und gleichzeitig messerscharf. Es wechselt zwischen tiefen Briefen und wunderschönen, melancholischen Gedichten. VERLORENE ILLUSIONEN

Es ist ein moderner Briefroman des 21. Jahrhunderts über toxische Manipulation im Netz und die schmerzhafte Erfahrung von plötzlichem Ghosting. Als er den Kontakt abrupt abbricht, beginnt ein fiebriger, einseitiger Monolog gegen die Wand aus Schweigen. Ein unglaublich aktuelles und psychologisch dichtes Buch über die Abgründe unserer digitalen Welt. Ich kann es nur empfehlen und glaube, dass so manch eine Leserin oder ein Leser sich darin wiederfindet.
Das Buch hat eine offizielle ISBN (978-3-69220-002-6) erschienen im Nero Verlag (info@neroverlag.de) .
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